Armenien

Den Grenzübertritt nach Armenien war nicht nur wegen der warmen Temperaturen sondern auch aufgrund der Bürokratie anstrengend. Da unser Frosch mehr als 5 Tonnen wiegt, gilt er in Armenien anscheinend als Lastwagen und wir durften entsprechend eine höhere Strassen- sowie Ökosteuer bezahlen und mussten uns in die Warteschlange der LKW-Chauffeure vor den Abwicklungsschaltern stellen, um die entsprechenden Dokumente für die Einreise zu erhalten. Nach knapp 2 Stunden waren wir dann auf Armeniens Strassen unterwegs und sogen die Eindrücke des neuen Landes in uns auf. Der Binnenstaat Armenien hat rund 3 Millionen Einwohner und 90% des Landes liegt auf über 1000 Meter über Meer. Wir genossen die ruhigere Fahrweise der Verkehrsteilnehmer in Armenien nach doch abenteuerlichen Erfahrungen in Georgien (wir wurden zweimal fast abgeschossen).

Unser erster Stopp war Dilijan – auch little Switzerland genannt. Der in den Wäldern gelegene Kurort auf einer Höhe von 1’500 Meter über Meer gilt in Armenien als beliebtes Ausflugs- und Ferienziel und überzeugt durch die wunderschöne Natur und vielseitigen Wandermöglichkeiten. So schnallten wir uns am nächsten Tag die Wanderschuhe an und unternahmen zwei Wanderungen, die uns von den kompetenten und freundlichen Mitarbeitern des Tourismusbüros empfohlen wurden. Am Praz See war aufgrund des Wochentags (Sonntag) sehr viel los. Man kann mit den Ziplines über den kleinen See fliegen oder mit gemieteten Pedalos einige Runden drehen. Als wir von der Wanderung zurück zum Frosch kamen, fanden wir eine Notiz unter unserem Scheibenwischer. Ein Schweizer, welcher mit seiner Familie in Armenien lebt, hat uns zu sich eingeladen. Was für eine Überraschung!

Unsere Reise führte uns noch am gleichen Tag an den Sewan-See. Dieser liegt auf 1’900 Meter über Meer und ist der grösste See im Kaukasus. Nach einer ruhigen Nacht bei angenehmen 20 Grad fuhren wir in den Ort Sewan um Einkäufe zu tätigen. Auf der Suche nach einem Einkaufsladen, fühlten wir uns in die Sowjetzeit zurück versetzt, als wir durch die Wohnquartiere mit den grossen Wohnblöcken fuhren. Die Läden in Armenien sind meist so foliert, dass man nicht hineinsehen kann und wirken daher ziemlich unscheinbar. Als wir in den Laden eintraten, kam eine freundliche Verkäuferin auf uns zu und unterstützte uns beim Einkauf. Wir beobachteten, dass auch andere Kunden beim Einkauf begleitet wurden – etwas Neues für uns. Während rund einer Stunde versuchten wir anschliessend Geld zu wechseln. Die erste Bank teilte uns mit, dass sie keine Schweizer Franken wechselten und in der zweiten Bank hat Manuela nach 30 Minuten Wartezeit das Vorhaben „Geldwechsel“ abgebrochen. So entschieden wir uns an einem Geldautomaten, mit entsprechenden Gebühren, Armenische Dram zu beziehen. Auch in Armenien gilt in vielen Situationen: No card, only cash. Wir legten einen weiteren Tag am Sewan-See ein – so gut gefiel uns die Gegend und insbesondere die kühlen Temperaturen. Stefan nutzte die Gelegenheit für einen Arbeitstag und Manuela widmete sich der Handwäsche. Am Folgetag besuchten wir in der Nähe von Jeghward den ausgewanderten Schweizer und seine Familie und wurden zu einem köstlichen Mittagessen eingeladen und erhielten weitere Tipps für Armenien sowie einen Einblick in ihr Heim und Leben. Gegen Abend zog es uns weiter Richtung höchsten Berg Armeniens – den Aragaz. Am Fusse des Berges hatten wir einen tollen Stellplatz mit Sicht auf den höchsten Berg der Türkei – den Ararat – und seinem schneebedeckten Gipfel.

Am Folgetag fuhren wir mit dem Frosch auf 3’200 Meter über Meer um von dort die Wanderung zum Südgipfel des Aragaz zu unternehmen. Der Aragaz ist ein erloschener Vulkan, dessen höchster Punkt auf 4’090 Meter über Meer liegt. Die Fahrt und die Überwindung der Höhenmeter war für unseren Superfrosch gar kein Problem. Unsere anschliessende Wanderung zum Südgipfel auf 3’895 Meter über Meer meisterten auch wir mit Bravour – wobei die Höhenluft Manuela zunehmend zusetzte und wir vorsorglich nicht den Übernachtungsplatz auf 3’200 Meter ansteuerten, sondern wieder auf knapp 2’000 Meter über Meer hinabfuhren.

Am Folgetag stand die Hauptstadt Yerevan auf unserem Programm und wir fuhren via Etschmiadsin dorthin, um auf dem Weg die UNESCO-Kathedrale zu besuchen. In Yerevan fanden wir wiederum einen praktischen und zentralen Stellplatz, von dem wir zu Fuss ins Zentrum gelangen konnten. Als wir auf dem Platz der Republik ankamen und uns über weitere Sightseeingmöglichkeiten erkundigten, stellten wir fest, dass eine Free Walking Tour in 15 Minuten startete. Wir schlossen uns dieser Tour spontan an und erfuhren während vier Stunden viel Interessantes über die Hauptstadt, über Armenien sowie auch über das Leben der einheimischen Bevölkerung. Die Einheimischen nennen ihr Land nicht Armenien sondern Hajastan (ist auch auf ihrem Pass so vermerkt). Weiter besteht zwischen Armenien und Russland ein Schutzvertrag, in dem Russland militärischen Schutz für Armenien gewährleistet. Zudem gehört für armenische Schüler die Sprache Russisch sowie das Schachspiel zum Grundlehrplan. Als wir mit unserem Guide an der Oper von Yerevan vorbei liefen, wiess er uns darauf hin, dass die Tickets für die Oper sehr preiswert seien. Wir kauften für den Folgetag Tickets zu rund CHF 11.- pro Person und waren von der dreistündigen Ballettvorstellung von Spartakus begeistert. Spartakus gilt als eines der erfolgreichsten sowjetischen Ballette, das 1956 uraufgeführt wurde. Am letzten Tag besuchten wir das Genozidmuseum von Yerevan, in dem der Mord und die Vertreibung der Armenier seitens der Türkei dokumentiert ist.

Nach zwei Tagen in der Hauptstadt zog es uns zu den nahegelegenen Sehenswürdigkeiten Geghard Kloster und Stone Symphony. Das Kloster wurde im 4. Jahrhundert gegründet und ist UNESCO Weltkulturerbe. Die Stone Symphony ist eine Gesteinsformation, die aussieht wie eine Orgel.

Auf Armeniens Strassen ging es dann begleitet von abwechslungsreicher Landschaft Richtung Süden in die Weinstadt Areni. Der Beifahrer genoss eine kostenfreie Weindegustation und kaufte eine Flasche Rotwein der Areni Traube, die in dieser Region wächst. Für die kommenden Tage waren in Areni Temperaturen von rund 40 Grad vorhergesagt, daher suchten wir uns einen kühlen Stellplatz.

Wir wurden schliesslich in einer Schlucht fündig und parkierten unseren Frosch für zwei Tage an einem schattigen Plätzchen direkt an einem Bach. Dort genossen wir auch unser Raclette mit Schweizer Käse, dem wir – gegen teures Geld – im Käseladen in Yerevan nicht widerstehen konnten. Die über 30 Grad Umgebungstemperatur spielten dabei keine Rolle. Wiederum nutzten wir den Stellplatz für diverse Arbeiten und genossen ab und zu eine Abkühlung im Wasser des Bachs.

Unser Stellplatz lag in der Nähe des Noravank-Klosters, das wir ebenfalls besuchen wollten und das auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste steht. Das Kloster wurde im 13. Jahrhundert erbaut und bietet wunderbaren Blick auf die Schlucht und die hohen Felswände. Das Kloster war früher ein Bischofssitz und galt entsprechend als wichtiges religiöses und später kulturelles Zentrum. Die Hauptattraktion ist die zweistöckige Kirche Surb Astvatsatsin.

Unsere Reise führte als nächstes nach Jermuk, einem Ort auf rund 2’000 Meter über Meer, welcher als Kurort bekannt ist und in dem Mineralwasser abgefüllt wird. Der Ort selbst ist ziemlich überschaubar und die Sehenswürdigkeiten Mineralwassergalerie, der See sowie der Wasserfall liegen alle nahe beieinander. Da in den kommenden Ländern der Gebrauch der Drohne nicht mehr erlaubt ist, schickten wir sie in einem Paket in die Heimat. Die freundlichen Mitarbeiterinnen der Haypost halfen uns bei diesem Vorhaben. Mittels Übersetzungsapp gelang es schliesslich unser Paket in die Schweiz zu verschicken.

Unser Weg führte danach via Sisian, wo wir nebst der Besichtigung des Wasserfalls auch noch einige Besorgungen für die letzten Tage in Armenien machten, weiter nach Tatev, dem letzten Sightseeing Ort auf unserer Armenien Liste. Die Fahrt dorthin ist spektakulär, denn es gilt die Worotan-Schlucht zu überwinden. Die Strasse – notabene die offizielle LKW-Route von Armenien nach Iran – führt zunächst 1’500 Meter in die Tiefe und anschliessend mit 15% Steigung wieder in vielen Serpentinen den Berg hinauf. Wer sich diese Fahrt sparen will und nicht auf dem Weg von Armenien in den Iran ist, kann die 2.7 Kilometer breite Schlucht mit der Gondelbahn – der Wings of Tatev – überwinden. Diese Seilbahn hält den Weltrekord als längste Pendelbahn (5750 Meter lang), die in einem Stück mit einem durchgehenden Seil operiert und wurde von Doppelmayr/Garaventa im Jahre 2010 erbaut. Wir durften zwei Tage auf dem Parkplatz der Seilbahn beim Tatev-Kloster stehen und konnten entsprechend das Kloster frühmorgens besuchen. Das im 9. Jahrhundert erbaute Kloster ist eines der bedeutendsten Architekturdenkmäler von Armenien und war im Mittelalter sowohl religiöses als auch universitäres Zentrum. Ein Erdbeben im Jahre 1931 zerstörte einen grossen Teil der Anlage, die seither nur teilweise wieder in Stand gesetzt wurde. Während unserer Tage in Tatev widmete sich Stefan wiederum der Arbeit und wir tätigten weitere Vorbereitungen für die Einreise in den Iran – so entfernten wir beispielsweise unsere Homepagebeschriftung am Frosch und speicherten die wichtigsten Sätze auf Farsi in unserem Handy. Am zweiten Tag stiessen deutsche Reisende zu uns und wir beschlossen, gemeinsam den Grenzübertritt in den nächsten Tagen zu absolvieren.

Die Strassenqualität in Armenien lässt generell zu wünschen übrig und als Fahrer muss man immer auf plötzlich auftretende Schlaglöcher gefasst sein. Einen Teil der Strecke von Tatev an die iranische Grenze übertraf aber nochmals alles. Es führte sogar soweit, dass ein LKW drohte von der Strasse zu rutschen, weil der Belag in einer Serpentine nicht mehr vorhanden war und der staubige, sandige Untergrund dem Gefährt keinen Halt bot. Hut ab vor den Berufschauffeuren, die diese Strecke regelmässig mit ihren Lastwagen fahren müssen. Unser letzter Halt vor dem Grenzübertritt war Meghri. Dort fanden noch die letzten Vorbereitungen für den Grenzübertritt statt – so mussten noch die letzten alkoholischen Getränke getrunken und das letzte Schweinefleisch gegessen werden und alle nötigen Dokumente bereitgelegt werden. Iran ist das erste Land, in dem wir unser Carnet de Passage benötigen – entsprechend lasen wir nochmals wie das Vorgehen ist und an welchem Ort im Formular die Stempel gemacht werden müssen. Am nächsten Tag ging es nach zwei Wochen in Armenien zusammen mit dem deutschen Pärchen Richtung iranische Grenze – die Frauen trugen weite Kleider und Kopftuch und die Männer lange Hosen.

Unsere Eindrücke von Armenien: Alte Gas Busse im ÖV Einsatz, keine Ziegel- sondern Blechdächer, viele Radargeräte, viele Klöster, die Russische Sprache ist stark verbreitet, viele grosse Gebäude aus der Sowjetzeit, viele alte Ostblock Autos (gasbetrieben) im Einsatz, offene Konflikte mit Nachbarländern, militärischer Pakt mit Russland, politisch fremdbestimmt, abwechslungsreiche Landschaft, älteste Weintraube (Areni), Wein-, Bier- und Cognacbrauereien, Reparatur-Servicebrücken am Strassenrand, viele Storchennester auf den Mästen.

Unsere bisherige Reiseroute.

3 Kommentare zu „Armenien

  1. Ja, da kann ich nur beipflichten. Superinteressant zu lesen, was ihr alles erlebt, seht und hautnah mitbekommt auf eurer spannenden Reise. Sehr cool! Geniesst es weiterhin und fahrt pannenfrei. Bärbel

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  2. Jedesmal ist es sehr spannend Euren Bericht zu lesen , was Ihr für Abendteuer erlebt.
    Weiterhin viel Spass und eine gute Fahrt 🚛
    Herzliche Grüsse Bettina

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